Als eingefleischter Rollenspielfan habe ich die bisherigen drei Gothic-Teile mit sehr viel Vergnügen gespielt und daher lies ich mich auch nicht davon abbringen, die neue Gothic-Version kurz nach ihrer Veröffentlichung zu kaufen. Obwohl es durchaus Gründe gab, diesen Kauf zu überdenken, haben sich doch Jowood (der Inhaber der Rechte an Gothic) und Piranha Bytes (die eigentlichen Macher von Gothic) getrennt und brachten jeweils ein eigenes Rollenspiel heraus. Risen, aus der Schmiede von Piranha Bytes, ist der inoffizielle „echte“ Nachfolger von Gothic, auch wenn weder die Welt noch die dort vorhandenen Charaktere mit der bisherigen Gothic-Story verbunden sind. Gothic 4 – Arcania knüpft zwar irgendwie an die bisherigen Gothic-Teile an, dafür fehlt es bei Jowood an handwerklichem Geschick um ein fantasievolles und spannendes Rollenspiel zu entwerfen.
Nach etwa 20 Stunden in Jowoods Gothic 4 - Arcania muss ich leider feststellen, daß ich die 40 Euro hierfür auch besser hätte investieren können...
Optisch wirkt Gothic 4 auf meiner keineswegs topaktuellen Hardware eigentlich ganz nett, läuft (dank dem ersten Patch) halbwegs flüssig, verursacht allerdings recht häufig kleinere Grafikfehler (Münder, die von innen beleuchtet sind, Lichtflecken irgendwo in der Landschaft). Weit entfernte Gegner bewegen sich sehr ruckartig, ebenso die Licht- und Schatteneffekte von der sich bewegenden Sonne. Dafür gibt es stimmungsvolle Tag- und Nachtwechsel und wechselhaftes Wetter mit viel Regen (den wir in einer Quest beenden können). Die Gewitterblitze und das Wasser sehen wirklich toll aus, auch wenn die Brandung etwas sehr häufig an Land schwappt und die Baumwipfel zu schnell (und dazu noch lautlos) im Wind schwanken. Die Landschaften wirken grundsätzlich eher unbelebt und langweilig, für die Einwohner gilt meistens ähnliches. Nur wenige NPCs sind ansprechbar, und diese sehen sich auch noch viel zu oft viel zu ähnlich – Arcania ist bewohnt von Klonen. Dies gilt ebenfalls für die Häuser und Dungeons, die viel zu oft viel zu gleich gebaut worden sind. Die Köpfe der NPCs wirken, als wären sie von zwei verschiedenen Teams erstellt worden. Manche sind voller eindrucksvoller und einzigartiger Details, andere wirken, als hätte man ein paar von Madame Tussauds Wachspuppen nach Arcania gestellt. Die Augen aller NPC sind zu starr um lebendig zu wirken.
Den Dialogen fehlt meist der von Gothic bekannte Witz und Tiefe. Die Auswahlmöglichkeiten beschränken sich sehr oft nur darauf, schneller oder langsamer zum Gesprächsziel zu kommen. Verschiedene Handlungsstränge suchte ich hier bislang fast völlig vergeblich, statt dessen folgt man einer eher gradlinigen Story, für die es sich sehr oft nicht mal lohnt, vom Weg abzukommen und die Ränder der Welt zu erforschen. Belohnt wird man dafür viel zu selten, auch wenn es gleich 4 Quests gibt, für die man das Spiel hindurch Gegenstände sammeln muss. Was dann auch gleich den Großteil aller Quests gut beschreibt: sammle 5 Hirschgeweihe, 6 Bienenstöcke, bring mir Met oder eine Pfeilspitze, trag diesen Brief von A nach B, oder erledige X, worauf du erfährst, daß man für X erstmal Y machen muss, für das man dann aber erst Z zu erledigen ist… es wirkt alles oft ziemlich gleichförmig, vorhersehbar und ohne Tiefe zusammengestrickt.
Selbiges gilt auch für die rollenspieltypischen Fähigkeiten und deren Aufstieg. Mit jedem Stufenaufstieg kann man 3 Punkte auf grade mal 8 Fähigkeiten aufteilen. Drei davon im direkt kämpferischen angesiedelt, zwei Fernkampf/Bogentechnik und drei (in Worten DREI!!! ) verschiedene Zauber (Innos → Feuer, Adanos → Eis und Beliar ->Blitze) kann man erlernen und verbessern. Das war's! Ok, fast. Es gibt noch Spruchrollen, durch die man Tränke bzw. Ausrüstungsgegenstände herzustellen lernt. Die man dann jederzeit und überall bauen und brauen kann. Ohne ein Lagerfeuer zu benötigen um den leckeren Fleischwanzeneintopf zu kochen oder einen Amboss für das Vulkanglasschwert. Das geht immer und einfach auf Knopfdruck ohne eine irgend geartete grafische Zwischensequenz. Diverse andere Spielsequenzen sind dagegen zwar vorhanden aber völlig nutzlos. Die Goblintrommeln, Schweinespieß am Feuer drehen, Alchemietische, Wetzsteine, am Lagerfeuer sitzen, oder überhaupt sitzen oder ins Bett legen. Das geht zwar (falls man diese sinnlosen Funktionen in den Optionen überhaupt einschaltet), bringt aber nix. Schlafen erhöht keinen einzigen Lebens- oder Manapunkt, es ist nur eine grafische Spielerei!
Aber apropos einschalten: in den Optionen sind einige Dinge ein- und ausschaltbar. So kann man sich z.B. die Welt „amerikanisch bunt“ oder „europäisch düster“ wählen, Schadensanzeigen in den Kämpfen einschalten, nicht-nutzbare Gegenstände effektlos aber benutzbar machen. Sehr schön!
Man hat bei Gothic keine automatische Lebensregeneration, nur wenn man Ausrüstungsgegenstände benutzt, die dieses mitbringen. Oder man nimmt einfach eine Hanfbandage. Nein, nicht essen oder rauchen, nur anlegen (denke ich zumindest. Was der Held damit macht, wenn ich rechts auf die Hanfbandage klicke, wird mir leider nicht gezeigt). Das Icon der Bandage ist eher schlecht gezeichnet, ich dachte erst: „Wofür braucht man hier Klopapier?“ *g*. Von diesem, ähm, den Hanfbandagen, liegen überreichlich in dieser Spielwelt (ich hab inzwischen schon weit über 100 eingesammelt), sie kosten auch fast nix, lassen sich aber nur außerhalb eines Kampfes benutzen. Im Kampf kann man jederzeit diverse Dinge vertilgen, die einem etwas Lebensenergie zurückgeben. Vom Apfel über Fleisch bis hin zu Heiltränken und andere Tränke. Kampfverzögerungen entstehen dadurch fast nicht.
Wobei die Super-Tränke im Kampf selten nötig sind. Bislang waren meine Gegner meist recht einfach und das Kampfsystem erklärt sich am einfachsten mit „totklicken“, auch wenn sich im Laufe der Zeit einige, wenige Sonderschläge und Kombinationen lernen lassen. Es gibt vier Schwierigkeitsstufen, die sich auch im Spiel jederzeit umschalten lassen (definitiv ein Pluspunkt). Ich spielte – wie eigentlich fast immer - erstmal auf „normal“, die dritteschwerste bzw. zweitleichteste Stufe. Nach einigen Stunden Langeweile (Wildschweine ließen sich mit einem stumpfen Holzgegenstand in drei Hieben töten, …) hab ich die Schwierigkeit hochgesetzt auf die zweitschwerste. Nun muss ich manchmal tatsächlich taktisch agieren, dem Gegner ausweichen (geht prima mit einem Hechtsprung) oder mich vor sehr wenigen der harten Kämpfe mit einem passenden Trank dopen. Alternativ kann man einer übermächtigen Gegnerschar auch immer weglaufen, diese folgt einem nur kurze Zeit und dreht an internen Levelgrenzen einfach gelangweilt ab (Bug oder Feature? Solche Gegner schlurfen zurück zu ihrem zugewiesenen Ort und lassen sich auf dem Weg zurück manchmal nicht mehr treffen, man schlägt einfach durch sie hindurch). Gegner kann man auch loswerden, indem man auf einen der erklimmbaren Felsbrocken krabbelt. Meistens geht der Gegner einfach wieder, wenn er mich nicht mehr erreichen können (auch Blutfliegen!). Eigentlich eine gute Funktion, sonst wäre es mal wieder zu einfach, mit Fernwaffen oder Zauber den unten beißenden, grollenden und fauchenden, mich aber nicht erreichenden Gegner langsam zu töten. Immerhin agieren die Gegner allzu gerne intelligent in Gruppen. Es ist oft nicht möglich, nur einen Gegner aus einer Gruppe heraus anzulocken und einzeln zu töten.
Gothic-Fans werden vieles wiedererkennen. Alte Kumpel wie Diego oder Lieblingsgegner wie die Scavenger, Blutfliegen, Wildscheine (hier nicht mehr so bösartig wie im dritten Teil) und sogar Fleischwanzen (bislang hab ich aber kein Fleischwanzenragout-Rezept).
Dies entschädigt aber eingefleischte Fans eher nicht, die sich durch eine eher triste, langweilige Rollenspielwelt schleppen, in der man nicht mal schwimmen oder klettern kann und in der das Bestehlen der NPCs keinerlei negative Effekte hat. In der die wenigen Teleporter immer nur zwei Orte miteinander verbinden, wobei es eh nur wenig Gründe gibt, noch einmal in die schon abgegrasten Gebiete zurück zu kehren. In der man viel zu selten für ausdauerndes Eckenabsuchen oder der Gebrauch von Fähigkeiten belohnt wird. In dem die meisten Charaktere farb- und gesichtslos bleiben, viel zu oft geklont sind und in dem der Schwierigkeitsgrad auch auf „hart“ oft doch eher lächerlich wirkt.
Immerhin ist das Spiel bis auf ein paar grafische Probleme erstaunlich bugfrei. Ich hatte noch keinen Absturz, die Quests waren bislang alle lösbar und sogar die Ladezeiten sind erstaunlich kurz. Allerdings muss man den kurz nach der Veröffentlichung erschienen Hotfix einspielen, sonst ist Gothic 4 auch auf Hochleistungsrechnern unglaublich träge.
Arcania verwendet Securom als Kopierschutz und benötigt einen Internetzugang zur Aktivierung.
Ich kauf mir als nächstes Risen und schaue mal, ob mir das besser gefällt.